1902: Deutsche Post in der Türkei

Die heutige Türkei und insbesondere Präsident Erdogan würden es sicherlich als Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines souveränen Staates betrachten und nachhaltig unterbinden, käme die Bundesrepublik Deutschland bzw. die Deutsche Post AG auf den Gedanken, in Istanbul ein deutsches Postbüro zu errichten. Doch was heute abwegig wäre, war vor dem 1. Weltkrieg Realität, denn die Deutsche Reichspost unterhielt mehrere Auslandspostämter in China, Marokko und insbesondere im damaligen Osmanischen Reich, wo bis Kriegsbeginn deutsche Postanstalten in Constantinopel, Jaffa, Smyrna, Beirut und Jerusalem bestanden. Das wichtigste Auslandspostamt war dabei zweifelsohne das von Constantinopel, wobei dessen Errichtung noch vor der Reichsgründung durch den Norddeutschen Bund am 1.3.1870 erfolgte. Es wurde am 11.5.1871 von der Reichspost übernommen, und ab 1884 wurden dort die Marken der Reichspost mit schwarzem Aufdruck der türkischen Währung, also Para und Piaster verkauft, zum einen für die laufende Bedarfspost ins Deutsche Reich, aber auch für die damaligen Briefmarkensammler. Einem entsprechenden, offenbar vom seinerzeitigen Empfänger „vorbestellten“ Einschreibebrief aus dem Jahre 1902 wollen wir uns nun widmen:

ATT00149

Das großformatige Poststück ist mit allen 12 Werten der „Reichspost“- Ausgabe vom 10.10.1900 mit jeweiligem Aufdruck frankiert, darunter 8 Germania- Marken von 10 Para auf 5 Pfennig grün bis 4 Piaster auf 80 Pf purpur/schwarz, aber auch die 4 hohen Markwerte: Die 5 Piaster auf 1 Mark rot zeigt das Reichspostgebäude in Berlin, die 20 P auf 2 M schwarzblau eine Allegorie, die 15 P auf 3 M schwarzviolett die Enthüllung eines Denkmals für Kaiser Wilhelm I. in Berlin und die 25 P auf 5 M grünschwarz/rot die Eröffnung des Reichstags im Weißen Saal des Berliner Schlosses. Die beiden letztgenannten Werte, zugleich die Höchstwerte des ganzen Satzes, sind übrigens die einzigen Briefmarken des Deutschen Reichs, auf denen Kaiser Wilhelm II. abgebildet ist, wenn auch nur -ganz gegen seinen Geschmack- als „Beiwerk“. Alle Marken sind sauber und zentriert jeweils mit dem Stempel „Constantinopel, Deutsche Post“ vom 2.4.1902 entwertet. Der Brief ist an den seinerzeitigen Direktor des Hotels Bristol in Wien gerichtet, noch heute-gegenüber der Staatsoper am Kärntnerring/ Kärntnerstrasse gelegen- eine der nobelsten Unterkünfte in Wien, die bereits in „Baedekers Oesterreich- Ungarn“, 25.Aufl. 1898, an erster Stelle genannt wird. „Monsieur le Directeur de l‘ Hôtel Bristol“ schrieb sich mangels Absenderangabe seinerzeit wohl selbst (auch kein Ankunftsstempel vorhanden) und mußte daher auch das hohe Porto tragen, denn es waren insgesamt 13,60 Mark bzw. 68 Piaster für diesen ausnehmend schönen Satzbrief zu bezahlen.

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