Mit dem Terminus „Manhattan-Projekt“ assoziiert man gemeinhin den Decknamen eines militärischen Atomforschungsprojekts der USA ab 1942, das unter der wissenschaftlichen Leitung des Physikers Robert Oppenheimer stand, und dessen Ergebnis die den 2. Weltkrieg im Pazifik beendenden beiden Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 waren. Ein ganz anderes, vor allem friedliches „Manhattan-Projekt“ war hingegen zuvor der Bau des US-amerikanischen Passagierdampfers „SS Manhattan“, der Ende 1930 auf Kiel gelegt wurde und ein Jahr später vom Stapel lief, wobei die Witwe des früheren US-Präsidenten Theodore Roosevelt Taufpatin war. Das rund 215 m lange Schiff mit ca. 22.500 BRT hatte Platz für bis zu 1300 Passagiere und trat am 10.8.1932 von New York aus seine Jungfernfahrt an. Die Reederei hatte die „Manhattan“ als das größte jemals in den USA gebaute Schiff beworben, doch war sie gegenüber berühmten britischen und deutschen Ozeandampfern eher „klein geraten“, maß doch z.B. die britische „Titanic“ bei mehr als doppelter Tonnage 269 m und wurde von der Deutschen „Imperator“ (276 m; 57.000 BRT) nochmals überboten.- Zur Jungfernfahrt am 10.8.1932 wurde nachstehender Umschlag an Bord der „Manhattan“ genommen:
24. 1932 USA   
Die hübsche Buntfrankatur von 5 verschiedenen Briefmarken aus 4 Ländern gründet sich auf die 5 Cents blau aus dem von der US-Post am 1.1.1932 verausgabten Sondermarkensatz anlässlich des 200. Geburtstags George Washingtons, die die Basis der Gesamtfrankatur bildet. Sie ist mit dem Duplex-Stempel „U.S.GER[MAN] SEA POST“ vom 10.8.1932 entwertet, dessen rechter kastenartiger Teil mit dem Text „S[team] S[hip] Manhattan“ gesichtsfrei über die Marke gestempelt ist. Links ist ein sehr schöner fast quadratischer violetter Stempel der Reederei mit der Silhouette der „Manhattan“ vor der Wolkenkratzer-Skyline Manhattans sowie dem Slogan „Largest Ship Ever Built in America“ abgeschlagen. Als Adressat ist der rückseitig zugleich als Absender benannte „John H. Vanmeter“ aufgeführt, doch nicht unter seiner rückseitigen Absender-Adresse „St. Petersburg, Florida, USA“, sondern im englischen Southampton, postlagernd („General Delivery“). Die Etappen der Jungfernfahrt waren das irische Queenstown, Plymouth, Le Havre und schließlich Hamburg. In Southampton, wo der Brief am 18.8. ankam, war offenbar als neue Adresse das südafrikanische Kapstadt („Cape Town“) hinterlegt, weshalb der Umschlag mit der britischen 1 1/2 Pence braun aus der Dauermarkenserie mit dem Portrait von König Georg V. zusätzlich frankiert und der neue Zielort handschriftlich vermerkt wurde. Demnach nahm ein anderes Schiff unser Couvert nach Kapstadt mit, wo es am 5.9. wiederum postlagernd ankam und erneut nicht abgeholt wurde. Um den Brief daher an den Empfänger zurückzuleiten, wurde er mit der südafrikanischen 3 Pence rot/schwarz aus der Freimarkenserie von 1927 versehen und mit „Cape Town/ Kaapstad“ am 19.9. abgestempelt. Dann ging es via Philippinen, wo in Manila 2 philippinische Marken am 8.11. verklebt wurden, um die halbe Welt zum Absender nach Florida, wo unser sehr dekoratives philatelistisches Kuriosum am 12.12.1932 ankam.

Sonntag, 08 Februar 2026 20:28

Ascension 1911: „Kein Urlaubsparadies!“

Mitten in den Weiten des Südatlantiks, rund 1300 km nordwestlich von St. Helena, liegt die nur rund 88 qkm „große“ Insel Ascension (offizieller Name Ascension Island), eine ursprünglich spärlich bewachsene Vulkaninsel und bestimmt „kein Urlaubsparadies“. Die ersten Europäer, die die Insel 1501 sichteten, waren die Portugiesen, und weil sich die „Entdeckung“ an Christi Himmelfahrt zugetragen haben soll, bekam sie den Namen „Ascensão“, blieb aber lange Zeit unbesiedelt. Als Napoleon 1815 nach St. Helena verbracht wurde, besetzten die Briten die karge Insel und bauten sie als „Ascension Island“ zur Festung aus, um etwaigen Versuchen, den exilierten Kaiser zu befreien vorzubeugen. 1836 kam mit Charles Darwin als Mitglied der legendären „Beagle“-Expedition der vielleicht berühmteste Besucher auf die vornehmlich von Schildkröten, Ziegen und Ratten bewohnte Insel und träumte von der Gestaltung einer Art neuen Gartens Eden. Wichtiger sollten sich 1899 der Anschluss an das Seekabelnetz und der Bau von Funkanlagen erweisen. Im 2. Weltkrieg war der Flugplatz für Zwischenlandungen essentiell, und im Falkland-Krieg 1982 war Ascension ein wichtiger Stützpunkt der Briten.- Kurz vor Ausbruch des 1. Weltkriegs verließ der hier abgebildete Briefumschlag 1911 Ascension:
20 1911 Ascension Ascension bekam zwar erst 1922 seine eigenen Briefmarken, besaß jedoch in seiner kleinen Hauptstadt Georgetown, die heute noch immer nur ca. 500 Einwohner, aber damit mehr als die Hälfte aller Inselbewohner zählt, zumindest ein Postamt und eigene Stempel. Dort kamen bis 1922 die nicht überdruckten Briefmarken Großbritanniens an den Schalter, somit auch auf obiges Einschreiben-Couvert. Allerdings wurden 3 Marken aus der Freimarkenserie mit dem Portrait von König Eduard VII. (9.11.1841-6.5.1910; reg. seit 1901) verklebt, obwohl dieser bereits im Vorjahr verstorben war. Wegen des obligatorischen Trauerjahrs wurden die ersten Marken mit dem Konterfei Georgs V. nämlich erst am 22.6.1911 verausgabt, und das reichte natürlich nicht mehr für unser Poststück auf Ascension, das am 20.6.1911 versandt wurde. Die Umschlagsmarken zu 1/2 Penny grün, 1 P rot und 2 1/2 Pence blau sind Massenwerte, also keine Raritäten, doch haben sie in zweifacher Hinsicht ihre besonderen Reize, weil sie zum einen mit dem Rundstempel „ASCENSION 20 JU[NE] [19]11“ entwertet sind und nicht viele Postsendungen von diesem entlegenen Eiland erhalten blieben. Hinzu kommt, dass die 1 P rot diagonal halbiert ist (= „bisected“), und der Stempel vom verbliebenen „Dreieck“ auf das Couvert übergeht. Doch dürfte es sich hier um eine Gefälligkeitsabstempelung und nicht um eine amtliche Halbierung gehandelt haben. Empfänger war „Mr. W. Barker, Galen House, Todmorden, England“, der sich in dieser Zeit mehrere Frankaturen Ascensions mit auf dem Brief gestempelter Adresse in seine in West Yorkshire gelegene Heimatstadt Todmorden senden ließ. Via London (rückseitiger Transitstempel vom 5.7.) kam unsere „Barker-Post“ vom fernen Ascension am 6.7.1911 in Todmorden an.

Ob Mauritius, Malediven oder Seychellen: Diese im Indischen Ozean gelegenen Inseln locken jährlich unzählige Touristen an und gelten als klassische Urlaubsparadiese. Die Seychellen liegen rund 1800 km nordnordöstlich von Madagaskar und gehören daher wie Mauritius geographisch zu Afrika. Die 115 Inseln des Archipels umfassen ein Seegebiet von 31.000 qkm, wobei Mahé mit der Hauptstadt Victoria die mit weitem Abstand größte Insel ist. Die ersten Europäer, die die Inseln sichteten, waren die Portugiesen mit Vasco da Gama. Doch blieben die Inseln lange unbesiedelt, bis 1742 der französische Kapitän Lazare Picault auf Mahé landete und die Insel wegen ihrer üppigen Vegetation Île de la Abondance (Insel des Überflusses) nannte. 1753 wurde sie als französischer Besitz nach Ludwigs XV. Finanzminister, dem Vicomte Jean Moreau de Séchelles, in „Île de Séchelles“ umbenannt. Doch besetzten bereits 1794 die Briten die „Séchelles“, die 1814 offiziell an Großbritannien gingen und bis 1903 zur Kronkolonie Mauritius gehörten. Viele französische Insel- und Ortsnamen haben sich aber bis heute erhalten, doch wurde der Inselhauptstadt „L‘Etablissement du Roy“ von den Engländern 1841 der neue Name „Victoria“ nach der damaligen jungen britischen Königin verliehen.- 56 Jahre später, kurz vor Queen Victorias diamantenem Regierungsjubiläum verließ der hier abgebildete Brief 1897 die Seychellen Richtung Hannover:
19 1897 Seychellen Der Umschlag ist mit 4 Seychellen-Briefmarken frankiert. Erst 1890 bekamen die Seychellen eigene Briefmarken unter der Herkunftsbezeichnung „SEYCHELLES“, wie auf den 4 Marken außer der doppelten Randangabe „POSTAGE“ zu lesen ist. Alle Marken zeigen die Büste von Queen Victoria (24.5.1819-22.1.1901; reg. seit 1837) als junge Königin, obwohl sie 1890 schon über 70 Jahre alt war und nur auf ihren Marken ein „ewiger Jungbrunnen“ blieb. Es handelt sich um die 48 Cents (1 Rupie= 100 Cents) olivgelb/grün (ganz links) und 3 Exemplare der 18 C auf 45 C braun/karmin, die erst am 1.8.1896 verausgabt worden war. Eine der Überdruckmarken zeigt im Oberrand die Plattennummer „2“ des Druckbogens. Auch ist ihr Überdruck durch das verkürzte „N“ in „CENTS“ als Abart zu sehen, so wie beim Wert rechts außen das „T“ im gleichen Wort verkürzt ist, während die mittlere Marke „ganz normal“ ist. Offenbar war der uns unbekannte Absender auf seine Frankatur mächtig stolz, denn er vermerkte links unten zweisprachig: „stamped with 4 stamps! frankiert mit 4 Marken!“. Die Marken sind unterschiedlich entwertet: die 48 C mit dem ovalen Nummernstempel „B64“, die 3 anderen Marken jeweils mit dem Rundstempel „SEYCHELLES“ vom 27.1.1897. Empfängerin war die Witwe H(enriette) Geisenhof in „Hannover, Germany“, Inhaberin einer Lederwarenhandlung. Der Brief wurde über den Suezkanal befördert, wobei auch ein französischer Postdampfer mitwirkte, wie der französische Paquebot-Stempel der „LIGNE N“ vom 20.2.1897 belegt. Am 3.3.1897 erhielt Witwe Geisenhof die „Inselpost aus dem Urlaubsparadies“.

Sonntag, 07 Dezember 2025 20:43

1906: 5 „Oscars“ für Schweden

Seit 1929 wurden Hollywoods begehrte „Oscars“ bis März 2024 schon 96 mal verliehen, wobei es für den „Oscar“, der offiziell „Academy Award of Merit“ heißt, 23 Kategorien gibt. Lange Zeit galt „Vom Winde verweht“ mit 10 „Oscars“ als erfolgreichster Film aller Zeiten, doch brachten es „Ben Hur“, „Titanic“ und zuletzt „Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs“ sogar auf jeweils 11 „Oscars“.- Uns geht es hier aber nicht um Hollywoods, sondern um schwedische „Oscars“, von denen das Land 2 Könige dieses Namens hatte, nämlich Oscar I. (1799-1859; reg. seit 1844), Sohn des Stammvaters des heutigen Königshauses Bernadotte, und Oscar II. (21.1.1829-8.12.1907; reg. seit 1872), der dritte Sohn Oscars I., der nach dem Tod seiner älteren Brüder 1872 neuer König von Schweden und in Personalunion auch von Norwegen wurde, jedoch die Krone Norwegens 1905 niederlegen musste.- Nachdem Norwegen bereits 1878 3 Freimarken mit dem Portrait Oscars II. verausgabt hatte, wartete Schweden bis 1885 mit einem Einzelwert, dem ab 1891 eine Freimarkenserie von 9 Werten folgte. Von somit 10 verschiedenen Briefmarken-„Oscars“ finden wir zumindest 4 davon (1 Wert doppelt) mit einem Wert der Ziffern-Freimarken auf nachstehendem Umschlag aus dem Jahre 1906 vereint:

2 1906 Schweden
Es handelt sich um das Couvert eines Wertbriefs („WÄRDE“) von Stockholm in die Hansestadt Lübeck. Der einst eingelegte Brief und natürlich das beigefügte Geld sind nicht mehr vorhanden. Die Frankatur ist etwas unübersichtlich auf die vom uns unbekannten Absender bei der Adressierung frei gelassenen Flächen der Vorderseite verteilt und besteht aus 6 Briefmarken, 5 davon mit dem Portrait Oscars II., nämlich der 8 Öre rotlila, der 30 Ö braun, der 50 Ö dunkelgrau sowie 2 Stück der 1 „Krona“ karmin/grau, zu denen oben rechts noch die 1 Ö braun/blau der Ziffernzeichnung von 1892 hinzugefügt wurde. Das Gesamtporto beträgt demgemäß 2,89 Kronen, was 17,34 g Feinsilber oder 3,85 Francs entsprach. Die Marken sind einzeln sauber mit dem Doppelkreisortsstempel „STOCKHOLM“ vom 3.7.1906 entwertet. Empfänger war der „ Kaufmann F. Schulze, Schiller-Straße 8, Lübeck“ („Tyskland“), dem der Absender eine beträchtliche Geldsumme per Wertbrief übermittelte, die für 2.667 schwedische Kronen versichert war („Assmeras för tvåtusensexhundrasextiosju kr“), eine enorme Summe, die über 2.500 Goldmark bzw. 1 Kilo Gold entsprach. Demgemäß ist der Brief rückseitig mit 5 schwarzen Siegeln versehen, um einer „vorzeitigen Geldentnahme“ vorzubeugen. Laut rückseitigem Ankunftsstempel traf die wertvolle Post am 5.7.1906 in Lübeck ein.- Trotz seiner 5 philatelistischen „Oscars“ kann unser seltener Wertbrief jedoch nicht mit den von Ingrid Bergman und Ingmar Bergman je 3 mal für Schweden gewonnenen Hollywood-Oscars konkurrieren.

Am 19.7.1870 erklärte Frankreich Preußen den Krieg. Als Grund hierfür wurde die Kandidatur eines Hohenzollernprinzen für den vakanten spanischen Königsthron genannt, weshalb Frankreich um seine territoriale Sicherheit fürchtete. Dabei schien die gefährliche Krise bereits überstanden, denn nach massivem Druck veranlasste der preußische König Wilhelm I. seine Sigmaringer Verwandten, auf die spanische Kandidatur zu verzichten, was dann auch am 12.7.1870 offiziell geschah. Mit diesem diplomatischen Erfolg, den Bismarck als Niederlage empfand, hätte sich Frankreich getreu dem Grundsatz „μηδέν άγαν“ (= nichts zu sehr) klugerweise zufrieden geben sollen, doch wies Außenminister Gramont den französischen Botschafter Benedetti an, von dem gerade in Bad Ems zur Kur weilenden preußischen König einen Verzicht für alle Zukunft zu fordern. Dieses Ansinnen wies Wilhelm I. bei der Begegnung am 13.7.1870 höflich, aber bestimmt zurück, da er die Frage der Kandidatur als erledigt erachtete, und berichtete hiervon Bismarck per Depesche („Emser Depesche“) nach Berlin. Dieser verschärfte den Text insbesondere durch einige Kürzungen und gab ihn an die Presse. Wie von ihm erwartet war die Empörung in Frankreich so groß, dass sich Kaiser Napoleon III., der bis zuletzt eine Verständigung durch einen Kongress suchte, gezwungen sah, am 19.7.1870 Preußen den Krieg zu erklären.- In den Tagen dieser „Julikrise“ kurz vor Kriegsausbruch wurde das hier abgebildete Poststück nach Wien versandt:     
28 1870 Frankreich
Das alterungsbedingt leicht gebräunte Couvert (der einst eingelegte Brief ist nicht mehr vorhanden) ist mit 5 Briefmarken des französischen Kaiserreichs in 3 verschiedenen Farben frankiert. Die Anordnung der Marken dieser ungewöhnlichen und damit seltenen Frankatur erfolgte als achsensymmetrisches „Farbenspiel“ und damit ersichtlich in der Absicht, der Empfängerin in Wien eine philatelistische Freude zu bereiten. Das erforderliche Porto von 60 Centimes hätte nämlich auch mit lediglich 2 Briefmarken entrichtet werden können, so z.B. durch 2 Marken zu 30 C oder durch die Kombination je einer Marke zu 40 C und 20 C. Statt dessen wählte der Absender die 10 C gelbbraun als Mittelachse, unmittelbar rechts und links flankiert von 2 Marken der 5 C grün und jeweils in den Außenpositionen von 2 Marken der 20 C blau, was zusammen 60 C ergibt. Die Werte zu 10 und 20 C entstammen der sog. Lorbeerkranzausgabe („Tête laurée“), denn sie zeigen Napoleon III. mit Lorbeerkranz. Diese Freimarkenserie umfasste aber keine Marken zu 5 C, so dass hierfür auf die Vorgänger-Ausgabe der „Tête nue“, also auf die Portraitmarken ohne Lorbeerkranz zurückgegriffen werden musste. Die kurios angeordneten Marken sind jeweils mit dem „stummen“ Sternenpunktstempel („Étoile muette“) von Paris entwertet. Daneben ist der Pariser Ortsdoppelkreisstempel des Postamts in der Rue St. Lazare vom 11.7.1870 sauber abgeschlagen, also nur 2 Tage vor der „Emser Depesche“ vom 13.7.1870, und genau an diesem Tag kam der Brief gemäß rückseitigem Ankunftsstempel bei seiner Empfängerin in Wiens Neustiftgasse an, damit kurz vor Kriegsausbruch.

Mit dem Tod Franz Josephs I. am 21.11.1916 ging nach fast 68 Regentschaftsjahren mitten im 1. Weltkrieg eine Ära zu Ende. Sein Nachfolger und Großneffe Karl I. (17.8.1887-1.4.1922), der zugleich als Karl III. König von Böhmen und als Karl IV./ IV. Károly König von Ungarn wurde, hatte von Anfang an einen schweren Stand, da er erst 1914 Thronfolger geworden war und er somit kaum Regierungserfahrung besaß. Zudem stand es an den Fronten um die K.u.K.-Armee und deren Moral schlecht. Da die Stephanskrone Ungarns erst für deren Träger die Königsmacht bedeutet, ließ sich Karl bereits am 30.12.1916 in Budapest feierlich zum König krönen, wobei Pomp und Kosten dieses Spektakels besonders wegen der kriegsbedingten Versorgungsnot anachronistisch anmuteten, doch wollten sich die Magyaren durch diese (h)eilige Krönung ihren starken Einfluss auch unter dem neuen König sichern. Allerdings begann bereits im Oktober 1918 der rapide Verfall des Vielvölkerstaats. Ungarns Truppen meuterten an der italienischen Front. Am 31.10.1916 kam es in Budapest zur sog. „Asternrevolution“, die auch „Herbstrosenrevolution“ genannt wird, da die Soldaten -ähnlich wie bei der „Nelkenrevolution“ 1974 in Lissabon- Blumenblüten an ihre Mützen hefteten oder in ihre Gewehrläufe steckten. König Karl IV. mußte Mihály Károlyi zum neuen Ministerpräsidenten ernennen, der noch am gleichen Tag die Realunion mit Österreich beendete. Nachdem Karl am 11.11. für Österreich und am 13.11.1918 auch für Ungarn „auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften“ verzichtet hatte, rief Károlyi am 16.11.1918 die „Republik Ungarn“ aus, ein Ereignis, das sich auch philatelistisch auf dem hier abgebildeten Umschlag niederschlug:
26 1918 Ungarn Die königliche ungarische Post hatte nach den beiden Sondermarken anlässlich der Krönung Karls und seiner Gattin Zita erst am 30.8.1918 und damit kurz vor „Torschluss“ eine aus 6 Werten bestehende Freimarkenserie verausgabt, die komplett mit Ausnahme der 15 Fillér violett auf obigem Couvert verklebt wurde. Auf den Werten zu 10 f zinnober, 20 f dunkelbraun und 25 f hellblau sehen wir König Karl IV. im Krönungsmantel und mit der legendären Stephanskrone auf dem Haupt, auf den beiden Höchstwerten zu 40 f oliv und 50 f purpur hingegen Königin Zita (9.5.1892-14.3.1989) ebenfalls im Krönungsornat. Alle Marken sind einzeln und jeweils fast zentrisch mit dem Sonderstempel „MAGYAR KÖZTÁRSASÁG 1918 november 16 BUDAPEST“ (= „Ungarische Republik“ vom 16.11.1918) sauber entwertet. Noch 1918 wurden die Restauflagen dieser Marken mit dem schwarzen diagonalen Aufdruck „KÖZTÁRSASÁG“ (= „Republik“) überdruckt. Obwohl sich der Einschreibezettel „R Ajánlott [= „Einschreiben“] Budapest 72 Nr. 3362“ auf dem Couvert befindet, scheint es sich um einen reinen Gefälligkeitsbeleg zu philatelistischen Zwecken am Tag der Ausrufung der Republik zu handeln, denn es fehlen ein Adressat und jegliche Spur eines tatsächlichen Postlaufs.- König Karl IV. unternahm aus seinem Schweizer Exil 1921 zwei vergebliche Versuche, wieder auf den ungarischen Thron zu gelangen, und starb am 1.4.1922 im Exil auf Madeira.

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