Sonntag, 30 Mai 2021 16:42

Jamaica 1874: „Bottles of Rum!“

Rum und Piraterie gehören begrifflich zumindest nach verbreiteter Vorstellung zusammen wie Pech und Schwefel. Dazu hat auch Robert Louis Stevensons (1850-1894) berühmter Abenteuerroman „Die Schatzinsel“ („Treasure Island“) beigetragen, in dem es bekanntlich um die Jagd nach dem Schatz von „Kapitän Flint“ geht, dabei auch um den Shanty „Fifteen men on the dead man‘s chest/ Yo-ho-ho, and a bottle of rum!“ So manche „Buddel voll Rum“ wurde auch in Cornwalls „Jamaica Inn“ geleert, dem Stützpunkt aktiver Strandräuber in Hitchcocks 1939 nach Daphne du Mauriers gleichnamigem Roman gedrehten Film. - Um Seeräuber soll es uns zwar in diesem Beitrag nicht gehen, aber um Jamaica und Rum, denn die zu den Großen Antillen zählende Karibikinsel Jamaica ist nicht nur dank ihrer Flagge für manches politische Koalitionsmodell zum Begriff geworden, sondern auch bekannt für seinen Rum, von dem der Inselstaat 2007 stolze 24,7 Mio. Liter exportierte. - In dem hier abgebildeten Geschäftsbrief aus dem Jahre 1874 spielen Jamaicas „Rum“ und sein damit verbundener „Ruhm“ eine zentrale Rolle:

5 1874 Jamaica

Der gut erhaltene Faltbrief ist mit 2 Briefmarken der „Jamaica Postage“ frankiert, wobei es sich um die 4 Pence ziegelrot sowie die 6 P lila handelt. Das Porto entspricht mit 10 P dem Tarif der 2. Gewichtsstufe. Beide Marken zeigen in unterschiedlichen Rahmen und Randornamenten das damals übliche Jugendbildnis Queen Victorias (24.5.1819-22.1.1901; reg. seit 1837), denn Jamaica war ab der Landung der Engländer 1655 bis zur Unabhängigkeit des Inselstaates 1962 eine britische Kolonie. Die einwandfrei gezähnten Marken sind leider ein wenig unsauber mit dem Nummernstempel „AO1“ abgestempelt und damit in Jamaicas Hauptstadt Kingston, wobei Kingston erst 1872 Regierungssitz geworden war. Das Aufgabedatum können wir einerseits dem rückseitigen Ortsstempel „Kingston M(A)Y 24/ 74 Jamaica“ entnehmen, des Weiteren dem schönen vorderseitigen ovalen privaten türkisfarbenen Absenderstempel der Firma „Finke & Co., Kingston, Jamaica“ vom 23.5.1874. Bei „Finke & Co.“ handelte es sich um ein in Kingstons Port Royal Street Nr. 29 ansässiges Unternehmen, das in alten Branchenverzeichnissen als „Liquor Dealer“ geführt wird und daher mit dem Vertrieb von Alkoholika, somit von Jamaica-Rum befasst war. Der Brief ist an das Handelsunternehmen C. Laloubère & Cie. in Jacmel und somit nach Haiti gerichtet, dem westlichen Teil der Insel Hispaniola, knapp 500 km östlich von Kingston gelegen, und wurde dorthin gemäß vorderseitigem Leitvermerk mit dem deutschen Dampfer „Elbe“ befördert, der Kingston am 25.5. verließ und am Folgetag in Jacmel anlegte. Leider fehlt -wie bei solchen Briefen nach Haiti fast immer- ein Ankunftsstempel (der Empfänger hat aber handschriftlich den Erhalt am 26.5. vermerkt), und auch der Briefinhalt spricht nur ganz allgemein von Vorkehrungen für eine nicht näher spezifizierte Lieferung, doch dürften viele „Bottles of Rum“ zweifelsohne der Hintergrund der seinerzeitigen Korrespondenz gewesen sein.

Die allermeisten postalischen Belege, die sich in Sammleralben befinden oder auf Auktionen gehandelt werden, stehen hinsichtlich Absender und Empfänger jeweils mit Personen in Verbindung, deren Namen der Nachwelt letztlich nichts sagen, weil es sich dabei um gewöhnliche Sterbliche handelte. Doch bedurften auch die sog. „Promis“, insbesondere Künstler oder Schriftsteller, wie jeder andere der Dienste der regulären Post, um ihre persönlichen oder geschäftlichen Briefe dem jeweiligen Adressaten zukommen zu lassen, wie wir anhand einer eigenhändigen Postkarte von Thomas Mann (6.6.1875-12.8.1955) aus dem Jahre 1922 aufzeigen möchten:

2 1922 Deutsches Reich

Lübecks großem Sohn war bereits 1901 mit erst 26 Jahren mit den „Buddenbrooks“ der ganz große literarische „Wurf“ gelungen, der aber erst 1929 zur Verleihung des Literaturnobelpreises führte. Ohne Abitur mit mittlerer Reife war Mann 1894 nach München gezogen und als Journalist und freier Schriftsteller erfolgreich tätig. Daher konnte er, seit 1904 mit „Katia“, geb. Pringsheim verheiratet und mit 6 Kindern gesegnet, mit seiner Familie 1914 in Münchens Poschingerstr. 1 eine herrschaftliche Villa beziehen. 1919 erhielt der „Mann ohne Abitur“ sogar die Ehrendoktorwürde der Bonner Universität . Demgemäß trug Mann als Absender „Dr. Thomas Mann“ auf der Postkarte ein und gab als Ort und Datum „München, den 7. VIII. [19]22, Poschingerstr. 1“ an. Die nach Zürich an Eduard Korrodi (1885-1955), den Feuilletonchef der Neuen Zürcher Zeitung, gerichtete eigenhändig geschriebene Mitteilung lautet: „Es ging gestern ein Manuskriptchen an Sie ab. Sollten Sie es bringen, so würde ich bitten, mir das Honorar nicht als Scheck, sondern in Form von Barscheinen als Einschreibe-Brief zukommen zu lassen. Ihr ergebener Thomas Mann“.  Der künftige Nobelpreisträger, durchaus auch auf pekuniäre Fragen achtend, erkannte vor dem Hintergrund der als Folge des verlorenen 1. Weltkriegs unvermeidlichen Inflation in Deutschland den steten Verfall der Deutschen Mark. Kostete 1 US-$ im Juli 1914 noch 4,20 Mark, lag der Wechselkurs Ende Januar 1922 bereits bei 199,40 M und Ende Oktober 1922 bei 4.439.- M. Das Briefporto, vor 1920 noch bei 0,15 M gelegen, verdreifachte sich im gleichen Zeitraum von 2.- auf 6.- M. Demgemäß ist die mit 0,40 M vorfrankierte Auslandspostkarte mit 5 verschiedenen Briefmarken der Weimarer Republik (3 Werte der Ziffernzeichnung, 1 Marke mit Bergarbeitern und der 1 1/4 M lilarot zur Deutschen Gewerbeschau München) zu weiteren insgesamt 3,10 M zusätzlich frankiert, was zusammen 3,50 M nebst 5 Pfennig Papierportozuschlag ergab. Die Marken sind mit dem Münchener Ortsstempel vom 8.8.1922 entwertet, wobei ein Ankunftsstempel fehlt, wie bei Postkarten üblich. Ein Scheck aus der Schweiz wäre in Deutschland nur durch Gutschrift auf einem Mark-Konto einlösbar gewesen und somit der Inflation anheimgefallen. Schweizer Franken in Banknoten blieben hingegen krisenfest und damit wertbeständig. Thomas Mann folgte daher während der einsetzenden deutschen Hyperinflation mit guten Gründen dem bekannten Motto: „Nur Bares ist Wahres!“

„Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe/ so müd geworden, dass er nichts mehr hält./ Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe/ und hinter tausend Stäben keine Welt.“ Mit diesen Versen beginnt das zweifellos berühmteste Gedicht des österreichischen, in Prag geborenen Lyrikers Rainer Maria Rilke (4.12.1875-29.12.1926), das 1903 entstand und das triste Käfigleben eines Panthers im Pariser Jardin des Plantes beschreibt. Generationen von Schülern durften das Werk im Deutschunterricht auswendig lernen und interpretieren. Selbst ausgesprochenen Nicht-Literaten wurde Rilkes „Panther“ ein Begriff, als ein im Besitz von Thomas Gottschalk befindliches Autograph (zum Glück nicht das einzige Stück!) 2018 mit Gottschalks Villa bei Malibu verbrannte. Doch auch Rilke selbst litt wie sein Panther unter vielen Zwängen und tristen Perioden. Seine Kindheit verlief nicht glücklich, eine militärische Ausbildung brach er ab, wechselnde Studiengänge und Frauenkontakte prägten seine frühe Schaffensperiode. Von seiner Frau und seiner kleinen Tochter trennte er sich 1902 nach nur einem Ehejahr, wobei eine Scheidung unterblieb. In Paris fand er bis zum 1. Weltkrieg seine zweite Heimat und war als Dichter, Schriftsteller und Übersetzer überaus aktiv. Anfang 1916 wurde Rilke jedoch vom österreichischen Militär eingezogen, konnte aber nach seiner Grundausbildung im Kriegsarchiv und Pressequartier arbeiten. In diese Zeit fällt ein an die Schauspielerin Lia Rosen (1893-1972) gerichteter eigenhändiger Brief, der samt Originalumschlag erhalten blieb und den wir hier in Auszügen zeigen möchten:            

1 1916 Österreich

Das an „Fräulein Lia Rosen, Hôtel „Riedhof“, Schlösselgasse, Wohnung No. 6, Wien VIII.“ adressierte Couvert ist mit 5 österreichischen Freimarken der Serie von 1908 mit dem Altersportrait von Kaiser Franz Joseph I. (18.8.1830-21.11.1916; reg. seit 1848) frankiert, und zwar mit 4 Exemplaren der 5 Heller grün sowie 1 Exemplar der 25 H blau, die alle mit dem Wiener Ortsstempel vom 17.3.1916 entwertet sind. Rilke schreibt in seinem Brief, der vom gleichen Tag datiert: „Liebe Lia Rosen, wir sehen uns gar nie, das kommt daher, dass ich immer, nach meinem Amtstag, ohne alle Energie und Expansion bleibe, ich sehe hinaus und sitze mit einem Buch in meiner Sofaecke: das ist das Äußerste, was ich aufbringe, oft nicht einmal das.“ Er schlägt ein persönliches Treffen vor und erkundigt sich nach der Adresse von Frau von Winternitz [1920-1938 mit Stefan Zweig verheiratet], der er für ein Buch den überfälligen Dank aussprechen möchte. Auch kündigt er an, demnächst von Wien-Hietzing „wieder in die Stadt zu ziehen: Die Trambahnen werden jetzt immer voller und das lange Hin- und Herfahren ermüdet mich.“ Rilkes melancholische und  resignative Worte sowie seine Klagen über die ermüdende Monotonie der Alltagszwänge passen letztlich auch zum Gitterdasein seines „Panthers“. Noch am 17.3.1916 traf der per Rohrpost versandte und mit „Ihr R.M.Rilke“ unterschriebene Brief bei Lia Rosen ein. - Rilkes Worte „Ohne alle Energie und Expansion“ hätten 1916 übrigens auch gut den Zustand der österreichischen Monarchie und ihrer Armee beschrieben.

Nach einer bekannten Redensart wird die Geschichte von den Siegern geschrieben. Doch gibt es auch Beispiele dafür, dass der Verlierer, also der sog. „Loser“, berühmter blieb als der Sieger, so z.B. Napoleon 1815 nach der Niederlage von Waterloo oder der legendäre Südstaatengeneral Robert E. Lee, der 1863 im Bürgerkrieg die Schlacht von Gettysburg verlor. Der vielleicht berühmteste „Loser“ der Geschichte und zugleich einer der größten Helden war aber wohl der Spartanerkönig Leonidas (Λεωνίδας =„der Löwengleiche“), der die griechischen Truppen in der Schlacht bei den Thermopylen (Θερμοπύλαι =„heiße Tore/Quellen“) Anfang August 480 v. Chr. im Kampf gegen die Perser befehligte und mit seinen verbliebenen 1000 Männern, darunter 300 Spartiaten, tapfer bis zum letzten Mann kämpfend nach dem Verrat des Ephialtes, der den Persern einen Umgehungsweg gezeigt hatte, unterging und so das persische Herr lange genug aufhielt, damit Athen evakuiert werden konnte. Die Athener konnten dadurch Ende September den entscheidenden Seesieg über die Perser bei Salamis erringen. - Die griechische Postverwaltung gedachte 2020 zum jeweils 2500. Jahrestag der beiden Schlachten bei den Thermopylen und bei Salamis jeweils mit 4 Sondermarken und zwei diese Marken enthaltenden Blocks, wobei die Ausgaben für den Sieg bei Salamis wesentlich farbenfroher ausfielen, während hingegen die vornehmlich grauen Gedenkmarken für die Niederlage bei den Thermopylen trotz goldener Beschriftungen ein wenig trist wirken, wie die hier abgebildeten beiden Markenblocks belegen:

2020 2 Griechenland

Der linke Block zeigt mit seiner linken Marke zu 1.- € eine helmbewehrte Büste des Leonidas. Als man ihm berichtete, die persischen Bogenschützen seien so zahlreich, dass ihre Pfeile die Sonne verdunkeln würden, soll er geantwortet haben: „Desto besser, so werden wir im Schatten  kämpfen.“ Noch bedeutender ist das Motiv der rechten Blockmarke zu 0,90 €, denn die dortige in Gold gehaltene Inschrift gehört zu den berühmtesten Sentenzen der Antike und wurde von Generationen von Altgriechisch-Schülern auswendig gelernt:  ξεν’, γγέλλειν Λακεδαιμονίοις τι τδε κείμεθα τος κείνων ήμασι πειθόμενοι. Wörtlich übersetzt heißt das: „O Fremder, melde den Lakedämoniern [=den Spartanern], dass wir hier liegen, den Worten [=den Gesetzen] jener gehorchend.“ So lautete die Inschrift eines antiken Gedenksteins für die tapferen Verteidiger, die auch heute noch auf einem modernen Denkmal vor Ort zu lesen ist. Cicero hat diese fast wörtlich ins Lateinische übersetzt: Dic, hospes, Spartae nos te hic vidisse iacentes, dum sanctis patriae legibus obsequimur. Schillers Version in „Der Spaziergang“ („Eurer Taten Verdienst meldet der rührende Stein“) lautet: „Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest Uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.“ Auch der rechte Block mit den Kampfszenen auf den beiden Werten zu 0,50 und 2,50 € lässt im Hintergrund dieses Epigramm auf den Heldentod der 300 Spartiaten, der auch Gegenstand des abstoßend blutrünstigen Films „300“ ist, erkennen. Ob sich dieses Heldentum in allen Details wirklich so zugetragen hat, wie es die Chronisten berichten, läßt sich nicht mehr rekonstruieren, doch wäre es nicht so gewesen, wäre das keine so schöne „Mär“ im klassischen Sinne!

Am 22.9.2020 verausgabte die griechische Postverwaltung 4 teils goldbeschriftete Sondermarken und dazu noch 2 Blockausgaben dieser Marken, mit denen des 2500. Jahrestags der Seeschlacht von Salamis (ΝΑΥΜΑΧΙΑ ΣΑΛΑΜΙΝΑΣ) gedacht wurde, die Ende September 480 v. Chr. stattfand und bis heute als wichtigster Sieg der Griechen gegen die angreifende persische Übermacht gilt. Schon 490 v. Chr. hatten die Griechen gegen die Perser unter ihrem Großkönig Dareios I. in der legendären Schlacht bei Marathon gesiegt und eine Invasion verhindert. Xerxes, der Sohn von Dareios I., sann auf Rache und bereitete jahrelang einen neuen Feldzug vor, durch den er die renitenten Griechen abstrafen wollte. Mit einem gewaltigen Heer überquerte er den Hellespont und rückte, begleitet von einer großen Flotte, in Nordgriechenland ein. Die in Anbetracht dieser großen Bedrohung ausnahmsweise einmal einigen Griechen berieten, wie der Angriff zu stoppen sei. Der Athener Themistokles (ΘΕΜΙΣΤΟΚΛΗΣ) riet zum Bau einer Flotte, konnte aber Athens Bürger erst durch den Orakelspruch aus Delphi „Sucht Schutz hinter hölzernen Mauern!“ und den Hinweis, dass keine Palisaden, sondern Schiffe aus Holz gemeint waren, überzeugen. Wie diese Schiffe aussahen, machen die hier abgebildeten hübschen beiden Markenblocks der Jubiläumsausgabe von 2020 deutlich:

2020 Griechenland Der Block links umfasst die beiden Marken im Nennwert von je 1.- €, die eine Büste des Themistokles (wohl eher des Perikles?) , der die griechische Flotte vor Salamis befehligte, und eine griechische Triere unter Segeln von schräg vorne zeigen. Gerade der Bau solcher Trieren, also Schiffen mit drei versetzten Ruderreihen, ermöglichte es, mit relativ kurzen weniger als 40 m langen und 4-5 m breiten Schiffen, also mit ca. 170 Ruderern eine relativ hohe Geschwindigkeit zu erreichen, mit der sich die feindlichen Schiffe effektiv ausmanövrieren und rammen ließen. Wie das vor sich gehen konnte und bei Salamis mit großem Erfolg für Griechenland praktiziert wurde,  verraten uns die Marken des rechten Blocks. Oben sehen wir mit der Marke zu 0,90 € eine Draufsicht auf eine Triere, unten auf dem Wert zu 2.- € ein sich von rechts näherndes griechisches Schiff, das kurz davor steht, ein schwerfällig gebautes persisches Schiff mittschiffs zu rammen. Beliebt war nämlich neben dem „Abrasieren“ feindlicher Ruderreihen besonders das Rammen des Feindes, eindrucksvoll in der Seeschlacht-Sequenz des berühmten Films „Ben Hur“ von 1959 mit Charlton Heston zu sehen. Die Griechen lockten mit ihren kleineren und wendigen Schiffen die mindestens doppelt so starke persische Flotte in die enge Bucht von Salamis mit ihren Untiefen. Auf engem Raum rammten die griechischen Schiffe viele Schiffe der Perser, die sich auch noch selbst blockierten. Xerxes sah mit Entsetzen die Niederlage seiner Flotte auf einem an Land aufgestellten Thron und befahl schließlich den Rückzug. - Die Seeschlacht von Salamis und der Sieg zu Lande im Folgejahr bei Platää beendeten die Perserkriege und retteten Griechenland und damit das Abendland.

Die Eltern der berühmten Krankenschwester und Reformerin des Sanitätswesens
Florence Nightingale (12.5.1820-13.8.1910) verbrachten zweijährige Flitterwochen in Europa und dabei vornehmlich in Italien. Sie hatten den Spleen, ihre auf dieser Reise geborenen beiden Töchter nach deren jeweiligem Geburtsort zu benennen, so dass das älteste in Neapel geborene Kind Parthenope hieß, die jüngere in Florenz geborene Tochter Florence, die damit schon sprachlich zu einer „blühenden Nachtigall“ avancierte und sich in Deutschland zur Krankenschwester ausbilden ließ. Zwischen Oktober 1854 und Juli 1856, somit zur Zeit des Krimkriegs, hatte sie die Leitung über zahlreiche Schwestern und Pflegerinnen, die im britischen Militärhospital im türkischen Scutari, das heute zum Istanbuler Stadtteil Üsküdar gehört und nicht mit dem albanischen Skutari/Shkodra verwechselt werden darf, verwundete und erkrankte britische Soldaten versorgten. Mit umfassenden Hygienemaßnahmen und einer Reform des gesamten Versorgungswesens senkte sie deutlich die Sterblichkeitsrate in Scutaris Lazarett, das heute als Selimiye-Kaserne und Hauptquartier der türkischen 1. Armee noch existiert.- In die erste Zeit des Wirkens von Florence Nightingale in Scutari fällt auch das Eintreffens des hier abgebildeten Briefs von den Gestaden der Côte d‘Azur in dieses Hospital am Bosporus:

1854 Sardinien
Der durch Beförderungsspuren verunreinigte und rückseitig beschädigte Briefumschlag ist mit 3 Briefmarken des Königreichs Sardinien-Piemont frankiert, die dessen 3. Freimarkenserie vom April 1854 entstammen und in farblosem Prägedruck gehalten sind. Sie wurden um ein weißes eiförmiges Mittelstück mit dem eingeprägten Portraitkopf von König Viktor Emanuel II. in unterschiedlichen Farben flächig bedruckt, wobei die Umschrift „Francobollo“ nebst Wertangabe in Zahlen und Worten nur unter der Lupe lesbar ist. Die 3 Werte zu 5 Centesimi grün, 20 C blau und 40 C braunrosa waren aber aufgrund der unterschiedlichen Farben leicht auseinanderzuhalten. Das Couvert ist mit einem Exemplar der 20 C blau sowie einem horizontalen Paar der 40 C braunrosa frankiert, wobei solche Paare auf Brief äußerst selten sind. Allerdings hatte der Absender bei der Adressierung zu wenig Platz für die Frankatur gelassen, so dass die Marken auf dem Postamt leider eine sog. Randklebung erfuhren, dementsprechend mit Bügen durch die Marken entlang der Couvertkante. Ein späterer Sammler hat den Umschlag aber aufgeklappt und die Büge etwas „ausgebügelt“, was die Optik, wie man sieht, erheblich verbessert. Die Marken sind mit dem Doppelkreisortsstempel von „Nizza Marittima“ vom 10.12.1854 entwertet. Nizza gehörte nämlich bis 1860 zu Sardinien-Piemont. Via Frankreich (roter Grenzübergangsstempel „Sar(daigne) 2, 11.Dec.54 Antibes“ und Pariser Transitstempel vom 13.12.) wurde das Poststück mit der Eisenbahn an den Bosporus befördert und traf dort gemäß rückseitigem Ankunftsstempel der „Armée d‘Orient“ am 25.12.1854 ein. Empfänger war aber nicht die „blühende Nachtigall“, sondern Lenox Prendergast (1830-1907), der als junger Kavallerieoffizier („Cornet“) bei den Royal Scots Greys diente und nach seiner Verwundung im Hospital von Scutari unter ihrer Leitung so gut gepflegt wurde, dass er 1881 sogar Mitglied des britischen Unterhauses war.

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