Baden 1868: „Zurich- Insurance“ oder „Hamburg Mannheimer“?

Der bekannte Großversicherer Zurich Insurance startete 2019 eine millionenschwere, freilich unfreiwillige „Werbekampagne“, denn als Insolvenzversicherer des pleite gegangenen Reiseveranstalters Thomas Cook und dessen ebenfalls insolventen Tochterunternehmen mußte „die Zurich“ bis zur Versicherungssumme von 110 Mio. EURO Deckung leisten, war aber dafür zumindest durch die umfangreiche Berichterstattung in den Medien „in aller Munde“. Die Wurzeln dieses erst vor wenigen Jahren im Namen anglisierten Versicherers gehen auf die in Köln 1844 gegründete Agrippina Versicherung und den 1872 von Gottfried Keller („Kleider machen Leute“) mitbegründeten Zürich Versicherungs- Verein zurück. Doch gab es in Zürich noch andere Versicherungen, scheinbar auch -aber der Schein trügt!- die „Allgemeine Spiegelglas- Versicherungs- Gesellschaft“, denn natürlich ging auch in der friedliebenden Schweiz so mancher Spiegel zu Bruch. An diese Versicherung scheint der hier abgebildete Brief aus dem Jahre 1868 gerichtet worden zu sein:
4 1868 Baden 

Der im badischen Mannheim aufgegebene Faltbrief ist mit zwei kehrdruckartig angeordneten Exemplaren der 1 Kreuzer tiefschwarz sowie einem senkrechten Paar der 6 Kr hellultramarin frankiert, die jeweils der Wappenausgabe von 1862 entstammen und das badische Wappen mit den beiden Greifen vor weißem Hintergrund zum Motiv haben. Die farbfrischen Marken bilden einen hübschen schwarz- blauen Farbkontrast und sind bis auf eine winzige Eckbugspur der unteren Marke des blauen Paares einwandfrei erhalten. Die Gesamtfrankatur von 14 Kr entspricht dem damals gültigen Tarif für einen Brief der 2. Gewichtsstufe in die Schweiz. Die Marken sind zwar nicht perfekt, sondern eher flüchtig abgestempelt worden, doch kann man besonders den rechts abgeschlagenen Doppelkreisortsstempel „Mannheim 9. Oct. 8-10 A“ (= 8-10 Uhr Abends) recht gut lesen. Als Adressat ist ein Herr Hörner in Zürich handschriftlich genannt, den man als Angehörigen der „Allgemeinen Spiegelglas- Versicherungs- Gesellschaft“ einordnen möchte, denn dieser Schriftzug ist zusätzlich als blaugrüner Langzeilenstempel mitten im Adressfeld aufgebracht. Doch der Schein trügt: Entfaltet man nämlich den Faltbrief, findet man bei der Unterschriftszeile im Brieftext den gleichen Stempel, lediglich mit dem Zusatz „Die Direction“. Demgemäß handelt es sich um keinen Fall einer „Zurich Insurance“, sondern ergo eher um einen solchen der „Hamburg Mannheimer“, die aber seit 2010 zur „ERGO Group“ gehört. Die in Mannheim ansässige Spiegelglas- Versicherung war nämlich der Absender, wie auch eine handschriftliche Empfängerangabe im Briefinneren verrät, der wir zugleich -in Ermangelung jeglicher Transit- und Ankunftsstempel- die Angabe des Ankunftsdatums vom 10.10. mit der Jahreszahlangabe „1868“ verdanken. Ob allerdings ein heute in eine Großstadt gerichteter Brief mit der bloßen Empfängerangabe „Herrn I.G.Hörner, Zürich“ beim Adressaten ankäme, wagen wir zu bezweifeln. Doch damals war scheinbar die Welt halt kleiner!

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