Am 22.9.2020 verausgabte die griechische Postverwaltung 4 teils goldbeschriftete Sondermarken und dazu noch 2 Blockausgaben dieser Marken, mit denen des 2500. Jahrestags der Seeschlacht von Salamis (ΝΑΥΜΑΧΙΑ ΣΑΛΑΜΙΝΑΣ) gedacht wurde, die Ende September 480 v. Chr. stattfand und bis heute als wichtigster Sieg der Griechen gegen die angreifende persische Übermacht gilt. Schon 490 v. Chr. hatten die Griechen gegen die Perser unter ihrem Großkönig Dareios I. in der legendären Schlacht bei Marathon gesiegt und eine Invasion verhindert. Xerxes, der Sohn von Dareios I., sann auf Rache und bereitete jahrelang einen neuen Feldzug vor, durch den er die renitenten Griechen abstrafen wollte. Mit einem gewaltigen Heer überquerte er den Hellespont und rückte, begleitet von einer großen Flotte, in Nordgriechenland ein. Die in Anbetracht dieser großen Bedrohung ausnahmsweise einmal einigen Griechen berieten, wie der Angriff zu stoppen sei. Der Athener Themistokles (ΘΕΜΙΣΤΟΚΛΗΣ) riet zum Bau einer Flotte, konnte aber Athens Bürger erst durch den Orakelspruch aus Delphi „Sucht Schutz hinter hölzernen Mauern!“ und den Hinweis, dass keine Palisaden, sondern Schiffe aus Holz gemeint waren, überzeugen. Wie diese Schiffe aussahen, machen die hier abgebildeten hübschen beiden Markenblocks der Jubiläumsausgabe von 2020 deutlich:

2020 Griechenland Der Block links umfasst die beiden Marken im Nennwert von je 1.- €, die eine Büste des Themistokles (wohl eher des Perikles?) , der die griechische Flotte vor Salamis befehligte, und eine griechische Triere unter Segeln von schräg vorne zeigen. Gerade der Bau solcher Trieren, also Schiffen mit drei versetzten Ruderreihen, ermöglichte es, mit relativ kurzen weniger als 40 m langen und 4-5 m breiten Schiffen, also mit ca. 170 Ruderern eine relativ hohe Geschwindigkeit zu erreichen, mit der sich die feindlichen Schiffe effektiv ausmanövrieren und rammen ließen. Wie das vor sich gehen konnte und bei Salamis mit großem Erfolg für Griechenland praktiziert wurde,  verraten uns die Marken des rechten Blocks. Oben sehen wir mit der Marke zu 0,90 € eine Draufsicht auf eine Triere, unten auf dem Wert zu 2.- € ein sich von rechts näherndes griechisches Schiff, das kurz davor steht, ein schwerfällig gebautes persisches Schiff mittschiffs zu rammen. Beliebt war nämlich neben dem „Abrasieren“ feindlicher Ruderreihen besonders das Rammen des Feindes, eindrucksvoll in der Seeschlacht-Sequenz des berühmten Films „Ben Hur“ von 1959 mit Charlton Heston zu sehen. Die Griechen lockten mit ihren kleineren und wendigen Schiffen die mindestens doppelt so starke persische Flotte in die enge Bucht von Salamis mit ihren Untiefen. Auf engem Raum rammten die griechischen Schiffe viele Schiffe der Perser, die sich auch noch selbst blockierten. Xerxes sah mit Entsetzen die Niederlage seiner Flotte auf einem an Land aufgestellten Thron und befahl schließlich den Rückzug. - Die Seeschlacht von Salamis und der Sieg zu Lande im Folgejahr bei Platää beendeten die Perserkriege und retteten Griechenland und damit das Abendland.

Die Eltern der berühmten Krankenschwester und Reformerin des Sanitätswesens
Florence Nightingale (12.5.1820-13.8.1910) verbrachten zweijährige Flitterwochen in Europa und dabei vornehmlich in Italien. Sie hatten den Spleen, ihre auf dieser Reise geborenen beiden Töchter nach deren jeweiligem Geburtsort zu benennen, so dass das älteste in Neapel geborene Kind Parthenope hieß, die jüngere in Florenz geborene Tochter Florence, die damit schon sprachlich zu einer „blühenden Nachtigall“ avancierte und sich in Deutschland zur Krankenschwester ausbilden ließ. Zwischen Oktober 1854 und Juli 1856, somit zur Zeit des Krimkriegs, hatte sie die Leitung über zahlreiche Schwestern und Pflegerinnen, die im britischen Militärhospital im türkischen Scutari, das heute zum Istanbuler Stadtteil Üsküdar gehört und nicht mit dem albanischen Skutari/Shkodra verwechselt werden darf, verwundete und erkrankte britische Soldaten versorgten. Mit umfassenden Hygienemaßnahmen und einer Reform des gesamten Versorgungswesens senkte sie deutlich die Sterblichkeitsrate in Scutaris Lazarett, das heute als Selimiye-Kaserne und Hauptquartier der türkischen 1. Armee noch existiert.- In die erste Zeit des Wirkens von Florence Nightingale in Scutari fällt auch das Eintreffens des hier abgebildeten Briefs von den Gestaden der Côte d‘Azur in dieses Hospital am Bosporus:

1854 Sardinien
Der durch Beförderungsspuren verunreinigte und rückseitig beschädigte Briefumschlag ist mit 3 Briefmarken des Königreichs Sardinien-Piemont frankiert, die dessen 3. Freimarkenserie vom April 1854 entstammen und in farblosem Prägedruck gehalten sind. Sie wurden um ein weißes eiförmiges Mittelstück mit dem eingeprägten Portraitkopf von König Viktor Emanuel II. in unterschiedlichen Farben flächig bedruckt, wobei die Umschrift „Francobollo“ nebst Wertangabe in Zahlen und Worten nur unter der Lupe lesbar ist. Die 3 Werte zu 5 Centesimi grün, 20 C blau und 40 C braunrosa waren aber aufgrund der unterschiedlichen Farben leicht auseinanderzuhalten. Das Couvert ist mit einem Exemplar der 20 C blau sowie einem horizontalen Paar der 40 C braunrosa frankiert, wobei solche Paare auf Brief äußerst selten sind. Allerdings hatte der Absender bei der Adressierung zu wenig Platz für die Frankatur gelassen, so dass die Marken auf dem Postamt leider eine sog. Randklebung erfuhren, dementsprechend mit Bügen durch die Marken entlang der Couvertkante. Ein späterer Sammler hat den Umschlag aber aufgeklappt und die Büge etwas „ausgebügelt“, was die Optik, wie man sieht, erheblich verbessert. Die Marken sind mit dem Doppelkreisortsstempel von „Nizza Marittima“ vom 10.12.1854 entwertet. Nizza gehörte nämlich bis 1860 zu Sardinien-Piemont. Via Frankreich (roter Grenzübergangsstempel „Sar(daigne) 2, 11.Dec.54 Antibes“ und Pariser Transitstempel vom 13.12.) wurde das Poststück mit der Eisenbahn an den Bosporus befördert und traf dort gemäß rückseitigem Ankunftsstempel der „Armée d‘Orient“ am 25.12.1854 ein. Empfänger war aber nicht die „blühende Nachtigall“, sondern Lenox Prendergast (1830-1907), der als junger Kavallerieoffizier („Cornet“) bei den Royal Scots Greys diente und nach seiner Verwundung im Hospital von Scutari unter ihrer Leitung so gut gepflegt wurde, dass er 1881 sogar Mitglied des britischen Unterhauses war.

Sonntag, 11 April 2021 17:13

Sardinien 1852: „Schlossbesucher“

Deutschland gilt zwar mit über 25.000 Burgen als „Land der Burgen“, doch ist Frankreich mit über 43.000 Schlössern eindeutig das „Land der Schlösser“. Zu diesen zählen natürlich nicht nur die berühmten Königsschlösser von Versailles, Fontainebleau oder Chambord, sondern auch jeder als „Château“ zu bezeichnende einstige Landsitz eines Adligen. Zu den überregional eher unbekannten „Châteaux“ gehört das in der Region Bourgogne-Franche-Comté im Département Côte d‘Or nördlich von Aiserey gelegene Château de Rouvres, dessen Baubeginn ins 12. Jahrhundert zurückreicht. 1852 trafen dort drei „königliche Schlossbesucher“ ein, die allerdings nicht aus dem „Morgenland“, sondern aus dem Königreich Sardinien-Piemont stammten, gerne „Italiener“ geworden wären, aber später „Franzosen“ werden mussten und die wir hier vorstellen dürfen:

1852 Sardinien
Es handelt sich um eine Faltbriefhülle, die mit 3 Briefmarken des Königreichs Sardinien-Piemont („Regno di Sardegna“) frankiert ist,welche König Viktor Emanuel II. (14.3.1820-9.1.1878; reg. seit 1849) zeigen. Er residierte im Palazzo Reale der Landeshauptstadt Turin, herrschte aber bis 1860 auch über Savoyen, französischsprachiges Stammland seiner Dynastie, so dass auch der Thermalbadeort Aix-les-Bains damals zu seinem Königreich gehörte. Die ersten sardischen Briefmarken wurden am 1.1.1851 verausgabt und umfassten die 3 Werte zu 5 Centesimi schwarz, 20 C blau und 40 C rosa, wobei der Standardwert zu 20 C mit Abstand am häufigsten Verwendung fand. Auf unserem Brief sehen wir ein waagerechtes Paar der 5 C schwarz, jedoch in der besonders seltenen Farbvariante sepia-schwarz, die als No. 1 f im Sassone-Katalog mit dem rund 6fachen Wert der Standardfarbe bewertet wird und somit als Paar, zudem auf Brief eine besondere Rarität darstellt. Zur Linken des Paares und Ergänzung als 50 C- Auslandsfrankatur verklebte der Absender die 40 C rosa, von der nicht viele Brieffrankaturen erhalten blieben. Auch diese Marke zeigt eine Besonderheit: Der breite linke Rand umfasst links auch den fast vollständigen Zierrand der Nachbarmarke, die aber einer anderen Gruppe im Druckbogen angehörte und durch einen Zwischensteg („interspazio di gruppo“) getrennt war. Mit Ausnahme der mittleren Marke weisen die durch sog. stumme Rhombenstempel sauber entwerteten Briefmarken Schnittmängel auf, das Briefpapier zudem Beförderungsspuren und Randläsuren. Aufgabeort war Aix-les-Bains, wie dessen herrlich klarer Doppelkreisortsstempel vom 22.5.1852 dokumentiert. Über Lyon und Dijon (rückseitige Transitstempel vom 24.5.) gelangte der wunderschöne Brief am 25.5. nach Genlis (17 km südöstlich von Dijon) von wo er nur noch 9 km nach Westen bis Rouvres-en-Plaine und dessen Château zurückzulegen hatte. Wie lange unsere „Schlossbesucher“ aus Aix-les-Bains, die nach dem italienischen Einigungskrieg von 1859 im „Tausch“ von Savoyen und Nizza mit der Lombardei „Franzosen“ unter Kaiser Napoleon III. wurden, auf Schloss Rouvres verweilten, bevor sie in eine andere Sammlung gelangten, wissen wir nicht.

„looking lazy to the sea/ There‘s a Burma girl a-setting, and I know she thinks of me;/ For the wind is in the palm-trees, and the temple-bells they say:/ „Come you back, you British soldier, come you back to Mandalay!“ Mit diesen Versen beginnt das 1890 entstandene Gedicht „Mandalay“ (auch unter „Road to Mandalay“ bekannt) von Rudyard Kipling (1865-1936; Autor des „Dschungelbuchs“), das die britische Kolonialherrschaft über Burma glorifiziert, aber heute gerade in Burma/Myanmar u.a. wegen seiner herablassend/blasphemischen Bemerkung über eine Buddhafigur („Blooming idol made of mud“) nur ungern Erwähnung findet, während es hingegen noch mancher Schüler in Deutschland im Englisch-Unterricht Anfang der 60er Jahre auswendig lernen musste. Dabei kann man noch heute viele Dinge, die in Kiplings Gedicht angesprochen werden, in Burma/Myanmar antreffen, ob manch‘ altes Flussschiff („Where the old flotilla lay“), unzählige „Tempelglöckchen“ in jeder Pagode, tiefgläubige Buddhaverehrung im sog.  „Lieblingsland Buddhas“ und sogar gelegentlich eine eine Zigarre rauchende Burmesin („smoking of a whacking white cheroot“). Bereits im 1. Britisch-Burmesischen Krieg (1824-1826) eroberten die Briten die Küstenregionen, bevor auch das restliche Burma 1885 vollständig von Großbritannien unterworfen und Britisch-Indien angeschlossen wurde. Die Küstenstadt Moulmein, heute unter dem Namen Mawlamyaing mit 300.000 Einwohnern nach Rangoon/Yangon und Mandalay eine der größten Städte des Landes, fiel schon 1826 an die Briten. Die Zeit der britischen Herrschaft in Moulmein belegt postalisch der hier abgebildete Umschlag aus dem Jahre 1877:
6 1877 Burma                        

Das leicht gebräunte Couvert ist mit zwei Briefmarken von Britisch-Indien frankiert. Es handelt sich hierbei um die 1 Anna Braun sowie die 4 A grün, die beide den Portraitkopf der damaligen britischen Königin Victoria (24.5.1819-22.1.1901; reg. seit 1837) im Medaillon zeigen. Die legendäre Queen hatte auf Betreiben ihres Premierministers Benjamin Disraeli ein Jahr zuvor eine „Rangerhöhung erfahren, indem sie zur „Empress of India“ proklamiert wurde und damit in Europa wie der deutsche Kaiser Wilhelm I., der österreichische Kaiser Franz Joseph I. und Zar Alexander II. von Russland als par inter pares endlich ebenfalls einen Kaisertitel vorweisen konnte. Die Marken sind duplexmäßig mit einem „B 8“- Balkenstempel sowie dem Ortsstempel Moulmeins vom 24.7.(1877) ungewöhnlich klar entwertet. Das Poststück war in das spanische Cádiz gerichtet und nahm den Weg über Calcutta (rückseitiger Transitstempel vom 31.7.) und den Suez-Kanal zunächst zum britischen Stützpunkt Gibraltar, wo es am 29.8.1877 ankam und noch am gleichen Tag das nahe gelegene Cádiz erreichte. - Mandalay sah unser insgesamt sehr gut erhaltener Brief zwar nicht, aber so mancher dort stationierte britische Soldat folgte nach einem Heimaturlaub bis zur Unabhängigkeit Burmas Anfang 1948 dem Ruf der Tempelglöckchen: „Come you back, you British soldier, come you back to Mandalay!“

Sonntag, 13 September 2020 19:57

1872 „Innerindischer Handel“?

Als Christoph Kolumbus 1492 auf der Suche eines westlichen Seewegs nach Indien meinte, in der Karibik „fündig“ geworden zu sein, wähnte er sich in Indien, weshalb man seitdem diese Region „Westindien“ bzw. „The West Indies“ nennt. Dass er in Wahrheit den amerikanischen Kontinent neu entdeckt, und dieser nichts mit Indien zu tun hatte, sollte sich erst Jahre später erweisen. Der Begriff „Ostindien“ für den indischen Subkontinent kam als historische Bezeichnung und als Gegensatz zu „Westindien“ erst später auf, wurde aber durch die nach ihm benannten diversen Ostindischen Kompanien, vor allem der Niederlande und der Briten, bekannt. Ab der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts gewannen die Briten die Vorherrschaft über Indien, und ab 1858 wurde Britisch-Indien Kronkolonie. Bombay, Madras, Calcutta und später Delhi sollten die wichtigsten britischen Handels- und Verwaltungszentren werden, wobei Bombay erster Anlaufhafen für alle Schiffe von und nach Europa war, um so mehr, als der Suezkanal ab 1869 eine direkte Verbindung mit dem Mittelmeer ermöglichte. Knapp 3 Jahre später verließ der hier abgebildete Geschäftsbrief aus dem Jahre 1872 den Hafen von Bombay, um in die USA nach New York befördert zu werden:
5 1872 Indien             

Die sehr gut erhaltene Faltbriefhülle wirkt -von geringfügigen Beförderungsspuren und zwei senkrechten Registraturbügen abgesehen, von denen einer leider durch die am rechten Rand befindliche Marke verläuft- insgesamt sehr frisch, so dass man ihr das stolze Alter von rund 150 Jahren gar nicht ansehen würde, gäbe es nicht die zeitgenössische Frankatur und die Stempeldaten. Das Poststück ist mit drei farbfrischen Briefmarken der damaligen recht kleinformatigen Ausgaben der indischen Postverwaltung frankiert, die jeweils Queen Victoria zeigen: der 8 Annas rosakarmin sowie einem waagerechten Paar der 8 Pies lila (1 Rupie= 16 Annas; 1 Anna= 12 Pies). Die Marken sind ungewöhnlich schön mit dem Ortsstempel Bombays  vom 11.3.1872 in Fingerhutgröße abgestempelt, wobei die 8 A ideal zentrisch entwertet und der Ortsstempel zusätzlich links von ihr nochmals abgeschlagen wurde. Absender war gemäß rückseitigem ovalen violetten Firmenstempel die Handelsgesellschaft „Farnham & Co, Shipping & Commission Merchants, Bombay“, wobei daneben der ovale schwarze „Sea.Post.Office“-Stempel von Bombay vorhanden ist. Unser Brief wurde zunächst „via Brindisi“ nach London befördert (rotbrauner Transitstempel „London Paid“), bevor es dann quasi auf Kolumbus‘ Spuren auf einem britischen Dampfer über den „Großen Teich“ nach New York ging, wo er beim Empfänger = der Seifenfabrik „Robert Colgate & Co.“, deren deutsche Tochter später durch die „Colgate“-Zahnpasta berühmt wurde, gemäß vorderseitigem leuchtend orangeroten Ankunftsstempel am 15.4.1872 eintraf. So erreichte der aus dem Westen „Ostindiens“ stammende Brief das amerikanische Festland westlich von „Westindien“, so dass zwar nach geographischen Begriffen, aber eben nicht in der Realität ein „innerindischer Handel“ stattfand.

Der bekannte Großversicherer Zurich Insurance startete 2019 eine millionenschwere, freilich unfreiwillige „Werbekampagne“, denn als Insolvenzversicherer des pleite gegangenen Reiseveranstalters Thomas Cook und dessen ebenfalls insolventen Tochterunternehmen mußte „die Zurich“ bis zur Versicherungssumme von 110 Mio. EURO Deckung leisten, war aber dafür zumindest durch die umfangreiche Berichterstattung in den Medien „in aller Munde“. Die Wurzeln dieses erst vor wenigen Jahren im Namen anglisierten Versicherers gehen auf die in Köln 1844 gegründete Agrippina Versicherung und den 1872 von Gottfried Keller („Kleider machen Leute“) mitbegründeten Zürich Versicherungs- Verein zurück. Doch gab es in Zürich noch andere Versicherungen, scheinbar auch -aber der Schein trügt!- die „Allgemeine Spiegelglas- Versicherungs- Gesellschaft“, denn natürlich ging auch in der friedliebenden Schweiz so mancher Spiegel zu Bruch. An diese Versicherung scheint der hier abgebildete Brief aus dem Jahre 1868 gerichtet worden zu sein:
4 1868 Baden 

Der im badischen Mannheim aufgegebene Faltbrief ist mit zwei kehrdruckartig angeordneten Exemplaren der 1 Kreuzer tiefschwarz sowie einem senkrechten Paar der 6 Kr hellultramarin frankiert, die jeweils der Wappenausgabe von 1862 entstammen und das badische Wappen mit den beiden Greifen vor weißem Hintergrund zum Motiv haben. Die farbfrischen Marken bilden einen hübschen schwarz- blauen Farbkontrast und sind bis auf eine winzige Eckbugspur der unteren Marke des blauen Paares einwandfrei erhalten. Die Gesamtfrankatur von 14 Kr entspricht dem damals gültigen Tarif für einen Brief der 2. Gewichtsstufe in die Schweiz. Die Marken sind zwar nicht perfekt, sondern eher flüchtig abgestempelt worden, doch kann man besonders den rechts abgeschlagenen Doppelkreisortsstempel „Mannheim 9. Oct. 8-10 A“ (= 8-10 Uhr Abends) recht gut lesen. Als Adressat ist ein Herr Hörner in Zürich handschriftlich genannt, den man als Angehörigen der „Allgemeinen Spiegelglas- Versicherungs- Gesellschaft“ einordnen möchte, denn dieser Schriftzug ist zusätzlich als blaugrüner Langzeilenstempel mitten im Adressfeld aufgebracht. Doch der Schein trügt: Entfaltet man nämlich den Faltbrief, findet man bei der Unterschriftszeile im Brieftext den gleichen Stempel, lediglich mit dem Zusatz „Die Direction“. Demgemäß handelt es sich um keinen Fall einer „Zurich Insurance“, sondern ergo eher um einen solchen der „Hamburg Mannheimer“, die aber seit 2010 zur „ERGO Group“ gehört. Die in Mannheim ansässige Spiegelglas- Versicherung war nämlich der Absender, wie auch eine handschriftliche Empfängerangabe im Briefinneren verrät, der wir zugleich -in Ermangelung jeglicher Transit- und Ankunftsstempel- die Angabe des Ankunftsdatums vom 10.10. mit der Jahreszahlangabe „1868“ verdanken. Ob allerdings ein heute in eine Großstadt gerichteter Brief mit der bloßen Empfängerangabe „Herrn I.G.Hörner, Zürich“ beim Adressaten ankäme, wagen wir zu bezweifeln. Doch damals war scheinbar die Welt halt kleiner!

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