Montag, 17 April 2017 16:33

1866: „Aber bitte mit Brille!“

Heute wollen wir uns mit nachstehendem französischen Poststück aus dem Jahre 1866 befassen:

bild 40

Es handelt sich um eine Faltbriefhülle, frankiert mit der orangefarbenen 40 Centimes-Marke der Ausgabe Empire Dentelé mit dem Portrait des Kaisers Napoléon III. Die Marke ist mit dem damals üblichen Rhombenstempel Gros Chiffres mit der Nummer 2240 (= Marseille) zentrisch abgestempelt. Nebengestempelt ist der Doppelkreisstempel von Marseille mit dem Datum 04.12.1866. Der Brief ist nach „Livourne“, dem französischen Namen für die bei Pisa gelegene Hafenstadt Livorno, gerichtet und damit nach „Italie“, denn Italien war seit 1861 -mit Ausnahme des Kirchenstaats und damit Roms- ein aus den früheren altitalienischen Einzelstaaten gebildetes Königreich; Österreich hatte im Sommer 1866 Venetien abtreten müssen. Rückseitig ist der Ankunftsstempel von Livorno mit dem Datum des 08.12. abgeschlagen. Es ist also scheinbar ein ganz normaler, mit dem Standardporto der 1. Gewichtsstufe für einen Auslandsbrief nach Italien frankierter Beleg.

Und doch gibt es Besonderheiten: So macht schon die Laufzeit von 4 Tagen auf dem Seeweg stutzig, was für den damaligen regelmäßigen und schnellen Postdienst recht lange war und eigentlich nur 2-3 Tage hätte dauern dürfen. Damit sind wir –anders als seinerzeit unser Brief- auf dem richtigen „Weg“ zur Lösung des Rätsels, denn auf der Rückseite ist ein weiterer Ankunftsstempel abgeschlagen, nämlich derjenige der über 300 km nördlich von Marseille gelegenen Großstadt „Lyon“ vom 05.12.1866. Und nun wird alles offensichtlich: Der damalige Postbeamte hatte wohl beim Einsortieren des Briefs keine Brille auf und verwechselte Livourne = Livorno mit Lyon, sodass der Brief mit dem Zug zuerst in das französische Landesinnere nach Norden statt zur See nach Osten befördert wurde. Natürlich ging es dann erst wieder mit dem Zug nach Marseille zurück und dann mit 1-2 Tagen Zeitverlust endlich per Schiff nach Livorno. Aber so wie bekanntlich viele Wege nach Rom führen, gilt dieses Motto auch ersichtlich für andere Städte!

Am 02.12.1852 erfolgte die Proklamation von Louis-Napoléon Bonaparte, des Präsidenten der Französischen Republik und Neffen Napoléons I., als Napoléon III. zum erblichen Kaiser der Franzosen. Bereits ab 1853 verausgabte das Second Empire Briefmarken mit seinem Portrait. Der Standardwert von 10 Centimes gelbbraun hatte über die Jahre eine Gesamtauflage von ca. 223 Mio. Exemplaren, der Höchstwert von 1 Franc karmin hingegen nur eine solche von ca. 0,9 Mio (Auflagenhöhe nach Maury, Timbres de France, 2009), was daran lag, dass das Porto für einen Brief von 15-100 g bereits 1854 von 1 Franc auf 80 Centimes gesenkt wurde. Der Wert von 1 Franc wurde durch eine farbgleiche Marke zu 80 Centimes ersetzt. Deshalb ist die 1 Franc Napoléon recht selten, noch seltener auf einem Brief, wie hier abgebildet:

bild 39

Unser Faltbrief ist mit einem Dreierstreifen der 10 Centimes-Marke gelbbraun und einer –teilweise überklebten- Marke zu 1 Franc karmin frankiert und daher mit dem damals geltenden Porto von 1,30 Franc in die USA nach New York gerichtet. Abgestempelt in Paris am 09.03.1854 wurde er via Calais und Liverpool mit einem englischen Postdampfer befördert und erreichte New York am 28.03.1854, wie der große US-Ankunftsstempel zeigt. Die „5“ in diesem Stempel steht für den US-Portoanteil von 5 Cents.

Der Absender, wohl ein Bankmitarbeiter, antwortet auf die Anfrage eines New Yorker Kaufmanns und dessen Bitte, ihm für 20.000 $ 5-Francs- und 1-Franc-Silbermünzen zu liefern, abschlägig, da Silber damals in Frankreich wegen einer Silberverknappung und Wirtschaftskrise in Europa „nicht in ausreichender Menge zur Verfügung steht, und die staatliche Münze einen Aufschlag zum Nennwert verlangt“ (zusammengefasste Übersetzung aus dem Französischen).

So wie unser Brief - in Abwandlung eines bekannten Udo Jürgens-Songs- sagen kann: „Ich war schon einmal in New York!“, hätte das Napoléon III. sogar singen können, denn er sprach aufgrund seiner Jugendjahre am Augsburger St.Anna-Gymnasium und auf Schloss Arenenberg am Bodensee perfekt Deutsch und sang bei guter Stimmung in vertrauter abendlicher Gesellschaft später noch als Kaiser gelegentlich Lieder auf Deutsch. Und nach seinem gescheiterten Putschversuch in Strasbourg mit anschließender Verbannung war er 1837 mehrere Wochen in New York, bevor er nach Europa zurückkehrte.

Sonntag, 12 Februar 2017 20:04

1863: Ein Holländer in Paris

Die Niederlande verausgabten relativ spät, nämlich zum 01.01.1852 ihre ersten Briefmarken. Dafür erschien die nächste Markenserie erst gut 12 Jahre später. Die erste Serie, die aus den drei Werten zu 5, 10 und 15 Cent bestand, hatte also eine lange Verwendungsdauer. Die Thronbesteigung des derzeitigen Königs der Niederlande, Willem Alexander, im Jahre 2013 rief noch einmal in Erinnerung, dass die Niederlande damit erstmals seit 1890 wieder ein männliches Staatsoberhaupt besitzen, regierten doch in der Zwischenzeit drei Königinnen. Der letzte männliche Vorgänger des derzeitigen Königs, König Wilhelm III. ist zugleich derjenige, der auf den ersten Marken der Niederlande abgebildet ist. Die Niederlande wurden erst spät, nämlich im Zuge des Endes der Napoleonischen Ära wieder selbstständig und seit 1815 ein Königreich. 1830 spaltete sich im Süden das heutige Belgien ab. Wilhelm III. wurde 1849 mit 32 Jahren der dritte König des Landes. Zugleich wurde er in Personalunion auch Großherzog von Luxemburg. In beiden Ländern erschienen 1852 unterschiedliche Markenausgaben mit seinem Portrait. Der nachstehende Brief nach Paris zeigt zwei Werte der ersten niederländischen Briefmarken:

bild 38

Der Brief ist mit der 5 Cent blau im waagrechten Viererstreifen beklebt. Rechts befindet sich noch die rosa-karminfarbene 10 Cent, sodass das Gesamtporto 30 Cent ausmacht, das damals übliche Porto für einen Brief nach Paris. Die Marken zeigen König Wilhelm III., die Wertangabe und das Wort „Postzegel“. Die Marken sind mit dem üblichen Rahmenstempel „Franco“ im wahrsten Sinne des Wortes „freigemacht“. Nebengestempelt befindet sich der gut lesbare Aufgabestempel von Utrecht vom 06.06.1863. Der schwarze P.D. Stempel bedeutet, dass das Porto bis zum Bestimmungsort bezahlt ist (port payé jusqu’à la destination). König Wilhelm „kam“ von Utrecht für die damaligen Verhältnisse äußerst schnell nach Paris, nämlich bereits nach 2 Tagen am 08.06.1863. Der entsprechende Pariser Stempel auf der Briefvorderseite ist zwar schlecht zu lesen. Ein weiterer klar abgeschlagener Stempel befindet sich jedoch auf der Rückseite des Briefes. Das hübsche kleinformatige Briefchen ist sehr schön erhalten. Der Viererstreifen ist lediglich rechts minimal angeschnitten, sonst voll – bis meist breitrandig, genauso die 15 Cent-Marke. Die blauen 5 Cent-Marken sind sehr farbfrisch in leuchtendem Blau.

König Wilhelm III. starb im Jahre 1890. Anders als in den Niederlanden galt in Luxemburg die salische Erbfolge, die eine weibliche Thronfolge nicht zulässt. In den Niederlanden wurde daher seine 10-jährige Tochter Wilhelmina Königin, die bis 1898 unter Vormundschaft der Königinwitwe Emma stand. Ein entfernter Verwandter des Königs, der ehemalige Herzog Adolph von Nassau, erbte den Luxemburger Thron und ist der Stammvater des heutigen großherzoglichen Hauses von Luxemburg.

Samstag, 21 Januar 2017 18:03

1872: Von Indien nach Bordeaux

Nachdem das kaiserliche Frankreich unter Napoleon III. für seine in Übersee gelegenen Kolonien eine Markenserie mit dem Kaiseradler verausgabt hatte, erschienen 1871/1872 auch nach dem Sturz Napoleons III. drei Werte zu 1, 30 und 80 Centimes mit seinem Porträt, parallel dazu Marken der Republik mit der früheren Ceres-Zeichnung. Die Marken waren somit motivgleich mit den Marken des Mutterlandes, aber nicht gezähnt, sondern geschnitten, wodurch man die Ausgaben leicht unterscheiden kann.

Im Folgenden ist ein Brief mit einer derartigen Frankatur-Kombination von Kaiserreich und Republik abgebildet:

bild 37

Rechts befindet sich die 80 Centimes karminrosa mit dem Porträt Napoleons III.. Links daneben ist die 40 Centimes hellgelborange mit der die Republik verkörpernden Ceres aufgeklebt. Beide Marken sind farbfrisch und sauber abgestempelt. Die 80 C ist vollrandig geschnitten, bei der 40 C ist die obere Randlinie berührt. Wie vorgeschrieben sind die Marken mit einem Punktrhombenstempel entwertet (9 x 9 Punkte), ohne Buchstabenkürzel für eine bestimmte Kolonie. Die daneben befindlichen Stempel zeigen aber den Weg des Briefes an. Aufgegeben und abgestempelt wurde er in der an der Ostküste Indiens ca. 135 km südlich von Madras gelegenen französischen Kolonie Pondichéry am 13.08.1872, also in Französisch-Indien. Der Brief ist an ein Handelsunternehmen nach Bordeaux in Frankreich gerichtet und trägt den handschriftlichen Vermerk „Via Bombay & Brindisi“. Bis 1869 hätte der Brief den Landweg über Suez oder den weiten Weg durch den Indischen Ozean über das Kap der Guten Hoffnung und den Atlantik nehmen müssen. Das hätte, wie Vergleichsstücke zeigen, vier bis fünf Wochen mit dem Dampfschiff gedauert. 1869 wurde jedoch der Suez-Kanal feierlich eingeweiht. Die Angabe der süditalienischen Hafenstadt Brindisi auf dem Brief zeigt, dass der Brief diese Route genommen hat. Da es 1872 noch keine Bahnverbindung von Pondichéry bis Bombay gab, wurde der Brief per Schiff um Südindien herum nach Bombay befördert. Von dort hat ihn ein im Zweifel britischer Dampfer bis Brindisi weiterbefördert. Dort ist er ausweislich eines Durchgangsstempels am 06.09. angekommen. Dann ging es mit der Eisenbahn weiter. Schon zwei Tage später, am 08.09.1872 erreichte der Brief seinen Bestimmungsort Bordeaux, also bereits nach etwa 3,5 Wochen und damit schneller als auf der bisherigen Route.


Sonntag, 04 Dezember 2016 09:42

1941: Halbe Sachen auf Guernsey!

Nach der französischen Kapitulation im Juni 1940 konnte im Westen nur noch Großbritannien Widerstand gegen Deutschland leisten. Die Kanalinseln vor der französischen Küste (nördlich von St. Malo und westlich von Cherbourg), die weder Teil des Vereinigten Königreiches noch Kronkolonie sind, sondern als Kronbesitz direkt der britischen Krone unterstellt sind, blieben jedoch schutzlos und wurden von deutschen Truppen praktisch kampflos erobert. Postalisch änderte sich zunächst wenig. Die Kanalinseln hatten damals noch keine eigenen Briefmarken. Es galten weiterhin die Marken von Großbritannien. Allerdings waren Teile der Markenvorräte bald aufgebraucht, so besonders die auf den Inseln wesentlich knapper vorhandenen Marken zu 1 Penny. Wie man dieses Problem lösen konnte, zeigt der nachstehende Brief:

bild 36

Es handelt sich um einen in Guernsey am 8. Februar 1941 abgestempelten Einschreibebrief mit Eilzustellung. Der Brief trägt die dafür erforderlichen Aufkleber und ist an einen „Captain“ mit dem deutsch klingenden Namen Oskar Pilling gerichtet, also wohl einen deutschen Besatzungsoffizier im Range eines Hauptmanns. Der Aufgabestempel trägt nur den Namen der Insel Guernsey. Abgestempelt wurde der Brief aber höchstwahrscheinlich in der dortigen Hauptstadt St. Peter-Port. Gerichtet ist er nach Jersey, Guernseys Nachbarinsel, in den an der Nordküste gelegenen Ort Trinity.

Frankiert ist der Brief mit einer englischen Dauermarke, die König Georg VI. zeigt, den Vater der heutigen Queen, 3 Pence violett und einer Marke zu ½ Penny der Gedenkmarkenserie „100 Jahre Briefmarken“ 1840/1940 mit den Portraits von Königin Victoria und König Georg VI. Ganz bizarr sind aber die beiden Viererblocks am rechten Rand. Es handelt sich um Diagonalhalbierungen der Dauermarken zu 2 Pence dunkelorange mit Georg VI. und der gleichfarbigen 2 Pence-Marke aus dem vorerwähnten Jubiläumssatz. In Ermangelung von genügend 1 Penny-Marken hatte man es -bis zur Verausgabung neu gedruckter örtlicher Marken ab Februar 1941 - zugelassen, dass die in größerer Zahl vorhandenen 2 Pence-Marken diagonal halbiert wurden und so halbiert als 1 Penny-Marken verwendet wurden. Ganz so knapp kann aber der Markenbestand doch nicht gewesen sein, da unser Brief eindeutig zu philatelistischen Zwecken aufgemacht wurde und durch diagonal geschnittene Viererblocks jeweils alle vier möglichen Halbierungen der beiden Marken aufweist. Alle Marken, ganze und halbierte zusammengerechnet, ergeben ein Porto von 11 ½ Pence, der portogerechten Frankierung für Briefe bis zu 2 Unzen (2 ½ Pence), zzgl. Einschreib-Gebühr (3 Pence) und Express-Gebühr (6 Pence).

Im Zuge der deutschen Kapitulation fielen die Kanalinseln am 9.5.1945 kampflos an die Alliierten, weshalb dieser Tag noch heute als Liberation Day gefeiert wird. Winston Churchill soll die berühmten Worte gefunden haben: „… and our dear Channel Islands are also to be freed today“

Der französische Kaiser Napoleon III. (reg. 1852 – 1870) hatte schon als junger Prinz im Exil 1830/31 als Mitglied der Carbonari für ein freies Italien gefochten. Nachdem er Kaiser geworden war, unterstützte er als Anhänger des Nationalitätenprinzips und der Volkssouveränität erneut entsprechende Bestrebungen. Nach Geheimverhandlungen mit dem Königreich Sardinien-Piemont wurde ein Bündnis gegen Österreich geschlossen, unter dessen Herrschaft damals die Lombardei mit Mailand sowie Venetien standen. Im Mai 1859 kam es zum Krieg zwischen den verbündeten Mächten Frankreich und Sardinien-Piemont auf der einen sowie Österreich auf der anderen Seite. Österreich verlor am 04.06.1859 bei Mailand die Schlacht von Magenta und die äußerst blutige Schlacht am 24.06.1859 bei Solferino südlich des Gardasees. Die Schlacht hinterließ jedoch derart viele Tote und Verwundete, dass Napoleon III. und Kaiser Franz Joseph einen umgehenden Waffenstillstand vereinbarten. Henri Dunant, der das Elend der Verwundeten auf dem Schlachtfeld sah, sollte zum „Vater“ des Roten Kreuzes werden.

Ein französischer Offizier hinterließ seine postalischen Spuren mit nachstehendem Brief:

bild 35

 

Der Brief trägt eine französische Dauermarke mit dem Portrait Napoleons III., 20 Centimes blau, unten stark angeschnitten, entwertet mit einem Punktrhombenstempel „AAB“, was „Armée des Alpes, Bureau B (Bergamo) bedeutet. Daneben ist mit dem Datum 25.7.1859 ein Doppelkreisstempel der Italienarmee (Armée d‘ Italie) abgeschlagen. Der Brief ist in das nordfranzösische Cambrai gerichtet, ein Ort, der im 1. Weltkrieg traurige Berühmtheit durch die gleichnamige Schlacht erlangte. Der Offizier schreibt seiner Mutter (Ma chère Mère). Was hatte er ihr mitzuteilen? Er beschreibt zunächst seine Marschroute ``bei 40 Grad Hitze“, wohl von Solferino kommend, über Bréscia, einer „hübschen befestigten Anlage, am Fuß der Berge gelegen“. Dort habe er „im Hotel d`Angleterre teuer, aber reichlich mittelmäßig gegessen, aber es gab zum Glück Eis“. Am Abend war er ``im Café am Domplatz und sah ,verwundete Offiziere, auch einen totgeglaubten General beim Erzbischof“. Von Bréscia ging es dann über Ospitaletto und Palazzolo nach Bérgamo, einer „belle ville“, die er am 24.07. erreichte. Sodann würde es weiter nach Mailand gehen, wo man am 27. ankommen werde. Alle Orte kann man auf aktuellen Italienkarten finden, muss sich nur die heute schnell verbindende Autobahn wegdenken. Der Brief hat auch die Mutter unseres Offiziers – wohl mit der Eisenbahn - erreicht, wie der rückseitige Ankunftsstempel von Cambrai vom 31.7.1859 nur 6 Tage nach Briefaufgabe zeigt. Wann die Mutter ihren Sohn selbst hingegen wieder sah, werden wir leider nie erfahren.

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